Sport im TV Empfindlichkeit oder berechtigte Kritik?

Foto: Marcus Brandt/dpa
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Sport und Medien profitieren voneinander – leben aber auch in einem Spannungsfeld. Bei der Leichtathletik-EM gibt es Kritik. Auch Fußball-Bundestrainer Jürgen Klopp hat dazu eine klare Vorstellung.

Welche Fragen dürfen Journalisten den Spitzensportlern stellen? Das diskutieren auch die Fans angesichts der Kritik von Kugelstoß-Olympiasiegerin Yemisi Mabry nach dem vielbesprochenen Interview von ARD-Reporter Claus Lufen bei der EM in Birmingham. Ist das eine neue Empfindlichkeit oder berechtigte Kritik? Oder etwas grundsätzlicher: Wie ist das Verhältnis von Sportlern und Journalisten?

„Da sind Sportlerinnen und Sportler nicht besser als die Gesellschaft, wo die Bereitschaft zur Kritik an der eigenen Person stetig abnimmt“, sagt Mika Beuster, Bundesvorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbands (DJV). „Athletinnen und Athleten sollten Medien gegenüber nicht mimosenhaft reagieren und kritische Berichterstattung nicht als Angriff auffassen.“

Fehlendes Fingerspitzengefühl?

Sport und Medien profitieren voneinander. Sie leben aber auch in einem Spannungsfeld. Das wurde noch einmal deutlich, als Mabry bei Instagram das Interview von Lufen kritisierte und geschrieben hatte: „Wo bleibt da das nötige Fingerspitzengefühl und die Empathie für den Menschen hinter der Leistung?“

Sprinter Owen Ansah hatte das gelikt und sagte zur Frage, ob er sich von den Medien genügend gewürdigt und fair behandelt fühle: „Um es ganz einfach zu sagen: Nein, ich fühle mich nicht fair behandelt.“ Erläutern mochte er dies am Tag vor dem 200-Meter-Finale mit dem Hinweis auf den Endlauf am Freitagabend nicht. Er erklärte sich aber bereit, nach dem Finale weiter darüber zu sprechen.
Offensichtlich gibt es unterschiedliche Vorstellungen

Mabry forderte von den ARD-Journalisten, „einen positiven Beitrag zu leisten“. Das deckt sich mit den Erwartungen an den Sportjournalismus, der auch bei der Präsentation von Jürgen Klopp als Fußball-Bundestrainer zu erkennen war. „An dem Tag, an dem ihr das nicht mehr wollt, sagt ihr es und ich bin weg. Ohne Abfindung. Wenn ihr morgen sagt, der ist scheiße, bin ich weg“, sagte der 59-Jährige in Richtung der Journalisten: „Ich mache das nicht gegen euch, sondern für euch.“

Offensichtlich gibt es unterschiedliche Vorstellungen vom Sportjournalismus. Elisabeth Schlammerl vom Verband Deutscher Sportjournalisten (VDS) sagt, Aufgabe sei es, „über Sportereignisse zu berichten, Leistungen zu analysieren sowie einzuordnen und auch Begeisterung zu wecken, aber nicht, Mut zuzusprechen“.

Zum Fall Mabry sagt die VDS-Vizepräsidentin: „Sicher gilt es bei Interviews unmittelbar nach Wettkämpfen, die emotionale Verfassung der Sportler und Sportlerinnen zu berücksichtigen, und dass sie in diesem Moment womöglich zu tieferen Analysen nicht in der Lage sind. Auf der anderen Seite sollten sich aber auch Athletinnen und Athleten mit der Rolle der Medien auseinandersetzen und wissen, dass es auch im Sport kritischen Journalismus geben muss.“

Unabhängig informieren und kritisch nachzufragen

Ähnlich sieht es der DJV-Vorsitzende Beuster. Der Sport und seine Protagonisten wünschen sich „positive Berichterstattung. Die Aufgabe von Journalistinnen und Journalisten ist es hingegen, unabhängig zu informieren, Ergebnisse einzuordnen und auch kritisch nachzufragen.“

Diese Aufgabenverteilung scheine Mabry so nicht zu sehen, vermutet Jana Wiske, Medienwissenschaftlerin von der Hochschule Ansbach. „Yemisi Mabry ist Olympiasiegerin, daran wird sie gemessen, ob es ihr nun gefällt oder nicht“, sagt Wiske. „Und daraus entsteht eine Erwartungshaltung, nicht nur bei den Medien, sondern vor allem bei den Medienkonsumenten.“ Die Aufgabe der Sportjournalisten sei es deshalb auch, „das zu fragen, was sich die breite Öffentlichkeit fragt. Und dazu gehören auch Nachfragen zu den bisherigen Saisonleistungen im Vergleich zu Konkurrentinnen.“

Die ARD teilte auf Anfrage mit, man werde sich zur Kritik von Yemisi Mabry speziell nicht weiter äußern. ARD-Experte Frank Busemann sagte der Deutschen Presse-Agentur, man habe in dem Interview an Fakten basiert erklären wollen, dass Mabry auch als Olympiasiegerin nicht gewinnen müsse. „Dass sie da befreit aufstoßen kann und jeder versteht: Da zu gewinnen ist nicht einfach.“ Das war bei Mabry aber offenbar nicht so angekommen.

Vertrauen in Medien gesunken

Medienwissenschaftlerin Wiske ordnet die Kritik auch in einen größeren Rahmen ein. „Studien zeigen, dass das Vertrauen in die Medien in Zeiten von „Lügenpresse“ und „Fake News“ in den vergangenen Jahren gesunken ist. Entsprechend fällt es leichter, auf die draufzuhauen, die eh schon in der Kritik sind“, sagt Wiske.

Auf den sozialen Kanälen lassen sich „schnell eigene Botschaften versenden“, erklärt Wiske. „Die Medien braucht es dafür nicht mehr. Auf den eigenen Kanälen sorgt ein negativer Nachrichtenfaktor wie diese Medienkritik für viel Reichweite und damit Aufmerksamkeit.“

Die TV-Sender sind im Sportjournalismus in einer besonderen Rolle. Schließlich zahlen sie für die Medien-Rechte Geld – auch wenn es bei der Leichtathletik deutlich weniger als im Fußball ist. Sport wird so auch zu einem Produkt.

„Vielleicht auch etwas überreagiert“

Der DJV-Vorsitzende Beuster sagt: „Begeisterung und journalistische Qualität schließen sich nicht aus. Die richtige Balance zu finden, gehört zum journalistischen Handwerk.“ Journalisten dürfen allerdings „nicht zu Sprachrohren einzelner Athleten, Verbände oder Veranstalter werden“.

Verständnis für die Reaktion der verärgerten Kugelstoß-Olympiasiegerin zeigt Christoph Bertling von der Sporthochschule Köln. „Wenn man nur selten Interviews führen kann und mit einer positiven Leistung und mit kritischen Fragen konfrontiert wird, ist nachvollziehbar, dass man sehr enttäuscht ist und vielleicht auch etwas überreagiert“, sagt der Medienwissenschaftler. (Michael Rossmann, Robert Semmler und Ulrike John, dpa)

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